Mardi 06 Juin 2006

Die Kultur der Berber



Foto: Alexandra Boulat

Ein braunes Muster bedeckt die Wangen einer Frau in Zaouia Ahansal. Es signalisiert, dass sie Mutter eines Jungen ist, der in Kürze beschnitten wird. Die Mehrzahl der Marokkaner stammt vom Volk der Berber ab, das seit vielen tausend Jahren hier siedelt. Sein kulturelles Erbe wird jedoch bis heute unterdrückt.

Die Berber leben in ganz Nordafrika, doch nirgendwo wurde ihnen die Anerkennung ihrer Identität lange so systematisch verweigert wie in Marokko. Dabei ist gerade dieses Land ethnisch am stärksten von ihnen geprägt: Rund 60 Prozent der Bevölkerung geben an, von ihnen abzustammen, beinah vier von zehn Menschen sprechen eine der drei Berbersprachen. Dennoch erklärt die Verfassung Marokko zu einem Teil des arabischen Nordafrika, legt Arabisch als Amtssprache fest und erwähnt die Berber nicht einmal. Diese Haltung ist ein Erbe des arabischen Nationalismus, der in der Kolonialzeit die Unabhängigkeitsbewegungen in der Region auslöste. Im Namen der Einheit wurden die Kulturen und Sprachen der nichtarabischen Völker missachtet oder sogar unterdrückt.

Der Hohe Atlas zählt zu den entlegensten und gefährlichsten Gegenden in Nordafrika. In den vergangenen 1300 Jahren war das Gebirge immer wieder unter der Kontrolle von Berberführern. Sie lehnten es ab, sich den arabischen Sultanen zu unterwerfen, die im Flachland regierten. Von 1912 bis 1956 war der größte Teil von Marokko französisches Protektorat. Die Franzosen erklärten die Gebirgsregion zum Stammesgebiet und überließen deren Kontrolle den mit ihnen kooperierenden Warlords. Der berühmteste von ihnen war Thami el-Glaoui: Zunächst unterwarf er die Berber des Hohen Atlas und später, als er zum Vizekönig Frankreichs im Süden von Marokko aufgestiegen war, auch die Araber der nahe gelegenen Ebenen. Der Widerstand der Berber ließ jedoch niemals nach, und 1956 jagten die Bergbewohner gemeinsam mit den arabischen Rebellen der Städte die Franzosen aus dem Land.

Dennoch ignoriert Marokkos arabisch geführte Regierung seit der Unabhängigkeitserklärung die Berberfrage. Inzwischen mehren sich in den Städten allerdings die Zeichen eines erwachenden, im Laufe der Zeit immer mehr erstarkenden Kampfes dieses Volks um kulturelle Anerkennung. Die städtischen Berber, die diese Erneuerungsbewegung anführen, sind Intellektuelle. Sie sprechen Französisch - eine Sprache, mit der sie Kultur und Menschenrechte verbinden. Arabisch verachten sie als Sprache ihrer Unterdrücker. In den vergangenen 15 Jahren schufen sie Sprach- und Kulturvereine, die sich für die Verbreitung des Tamazight einsetzen. Sie gründeten Zeitungen und erstritten 1994 das Recht, im staatlichen Fernsehen Nachrichten in der Berbersprache auszustrahlen. Im März 2000 unterschrieben mehrere hundert Intellektuelle ein Manifest, das die Erniedrigung und Entfremdung beschreibt, die viele Berber empfinden. Darin werden - neben anderen Dingen - die Erschließung der ländlichen Gebiete, Finanzhilfen für kulturelle Institutionen und eine Ergänzung der Schulbuchtexte um die Rolle der Berber in der Landesgeschichte gefordert.

Text: Jeffrey Tayler

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